Datum: | Tests 2012

Nachdem wir im dritten Teil unserer Serie die neue Oberfläche und das Bedienkonzept von Windows 8 vorgestellt haben, konnten wir nun für einige Tage ein Microsoft Surface-Tablet testen und die Windows-8-Oberfläche von einer ganz anderen Seite erleben.

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Finger statt Maus

Der klassische PC-Sektor verliert im Heimsegment immer weiter an Boden. Mit dem Erscheinen von vielen Android-Tablets, dem iPad mini sowie den neuen Kindle-Geräten von Amazon zum Weihnachtsgeschäft 2012 nimmt der Tablet-Boom erst richtig Fahrt auf. Analysten rechnen damit, dass in 5 Jahren Personal-Computer, wie wir sie aktuell noch kennen, immer weiter an Bedeutung verlieren und durch mobile Plattformen wie Tablets und Smartphones abgelöst werden. So sollen sich 2016 geschätzte 1,5 Milliarden Smartphones und Tablets weltweit verkaufen, aber nur noch 500 Millionen PC.

Und genau hier liegt das Problem: Derzeit laufen geschätzte 90 Prozent aller PC mit Windows als Betriebssystem. Auf mobilen Plattformen, Smartphones und Tablets sind es dagegen weniger als 3,5 Prozent.
Wie groß die Marktmacht von Apple im Tablet-Sektor ist, zeigt beispielsweise eine Erhebung vom Werbenetzwerk Chitika, wonach 95% des Datenaufkommens der Tablets von iPads verursacht werden. Auf Platz 2 liegt mit etwas mehr als einem Prozent das Galaxy-Tab von Samsung.

Diese Entwicklung und Prognosen für die Zukunft könnten die Chefetage von Microsoft wach gerüttelt haben. Nach einem Masterplan durften wir dann im Oktober neben Windows 8 und Windows Phone 8 auch erste Tablets von Microsoft bewundern, welche das Redmonder Unternehmen der Fachpresse bereits im Juni 2012 vorstellte. Zur Einführung sind die Geräte von Microsoft selbst aber nur online oder über die Microsoft Stores zu bekommen.

Hardware

Die Tablets von Microsoft (Magnesium-Gehäuse, Gorilla-Glas) werden in zwei Versionen angeboten.

Das Windows Surface RT mit einer ARM-Architektur und 2 GB RAM nutzt Windows RT als Plattform. Hierbei handelt es sich im Core um Windows 8, allerdings gibt es nur Zugriff auf Apps aus dem Windows Store. Es können auf Windows RT daher keine Programme installiert werden, welche über USB oder Download auf das Gerät gelangen, selbst wenn diese für die ARM-Architektur entwickelt wären. Der Windows Desktop ist zwar auch in Windows RT enthalten, wird von den Apps in aller Regel aber nicht genutzt.

Technische Spezifikationen des Surface RT bei Microsoft

Surface mit Touch-Cover

Surface mit Touch-Cover

Seitenansicht

Seitenansicht

Surface

Surface RT liegend

Proflansicht mit Touch-Cover

Proflansicht mit Touch-Cover

Die Auflösung des Surface RT beträgt bei 10,6 Zoll  1366×768 Pixel in einem IPS-Display (spiegelnd). Damit können unter Windows RT/8 zwei Apps gleichzeitig angezeigt werden. Das Gewicht liegt bei ca. 680 Gramm, die Dicke bei etwa 9 mm und die Akkulaufzeit bei normaler Nutzung bei 8 bis 9 Stunden. Das Gerät wird mit einem internen Speicher von 32 und 64 GByte angeboten und beginnt preislich bei 479 Euro. Von den 32 GByte sind aber bereits knapp 16 GByte vom System belegt.

Das im Januar erscheinende Surface Pro mit einem Intel Core-i5-Prozessor und 4 GB RAM nutzt gegenüber der RT-Plattform ein vollständiges Windows 8, kann daher neben den Apps aus dem Windows Store auch mit „normalen“ Windows-Programmen bestückt werden. Wegen der größeren CPU und damit mehr Abwärme ist das Pro-Gerät etwas schwerer (900 Gramm) und dicker (13,5 mm), bietet aber auch eine höhere Auflösung von 1080p (1920×1080 Pixel). Als Speicherausbau sind 64 und 128 GByte verfügbar. Beim Kauf erhält der Kunde zudem noch einen Eingabestift, mit dem das Gerät ebenfalls bedient werden kann. Als Preis hat Microsoft 899 US Dollar für die 64-GByte-Variante kommuniziert. Das Gerät dürfte in Euro aber nicht dem Wechselkurs entsprechend kosten, wie die Erfahrungen mit anderen Herstellern zeigen.

Surface Pro, wesentlich dicker

Surface Pro, wesentlich dicker

Technische Spezifikationen des Surface Pro bei Microsoft

Beide Surface-Geräte bieten Wi-Fi (802.11a/b/g/n), Bluetooth 4.0, USB-Schnittstelle (USB 3 bei RT), Micro SD (RT) bzw. MicroSDXC-Kartenslot (Pro), Kopfhörer-Anschluss, Stereo-Lautsprecher, einen HD-Video-Out sowie den Cover Port für ansteckbare Tastaturen (siehe folgend). Sowohl an der Front- wie auch an der Rückseite finden sich je eine 720p Kamera. Das Pro-Gerät bietet darüber hinaus noch einen Display-Port.

An der Rückseite der Surface-Tablets findet sich ein Standfuß, welcher ausgeklappt das Gerät stabil aufstellt.

Surface

Ständer

Der Stromstecker wird magnetisch mit dem Tablet verbunden und ist gegenüber dem Gefummel des alten Apple-Connectors eine echte Wohltat zum Laden des Geräts.

. Surface RT Surface Pro
Betriebsystem Windows RT Windows 8 Pro
Gehäuse 10,81 x 6,77 x 0,37“
680 g
VaporMg-Gehäuse
10,81 x 6,81 x 0,53“
900 g
VaporMg-Gehäuse
Speicher 32 GB, 64 GB 64 GB, 128 GB
Display 10,6“ ClearType-HD-Display
1.366 x 768 Pixel
16:9 (Breitbildformat)
5-Punkt-Multi-Touch
10,6“ ClearType-Full-HD-Display
1.920 x 1.080 Pixel
16:9 (Breitbildformat)
10-Punkt-Multi-TouchStifteingabe und Stift
CPU Quad-core NVIDIA Tegra 3
2 GB RAM
Intel Core i5-Prozesser der 3. Generation
mit Intel HD Graphics 4000
4 GB RAM – Dual-Channel-Arbeitsspeicher
Verbindungen Wi-Fi (802.11a/b/g/n)
Bluetooth 4.0-Technologie
Wi-Fi (802.11a/b/g/n)
Bluetooth 4.0-Low-Energy-Technologie
Akku 31.5 W-h 42 W-h
Kameras und A/V 2 720p-HD-LifeCams, 1 vorne, 1 hinten
2 Mikrofone, Stereo-Lautsprecher
2 720p-HD-LifeCams, 1 vorne, 1 hinten, mit TruColor
Mikrofon, Stereo-Lautsprecher
Ports Full-Size USB 2.0
microSDXC-Steckplatz
Headset-Buchse
HD-Video-Out-Port
Port für Schutzabdeckung
Full-Size USB 3.0
microSDXC-Steckplatz
Headset-Buchse
Mini-DisplayPort
Port für Schutzabdeckung

Tastatur statt Cover

Ein starkes Highlight der neuen Surface-Geräte sind die Cover-Taststaturen, welche über den Cover-Port mit dem Gerät magnetisch verbunden werden. Auf den ersten Blick unterscheiden die Cover nichts von den Apple-Covern, welche aber außer dem Abschalten keine technische Funktionalität bieten.

Die Microsoft-Cover beinhalten dagegen eine vollwertige Tastatur und können zusammen mit dem Surface-Standfuß das Tablet in eine Art „Notebook“ verwandeln. Es gibt die Cover-Tastaturen in einer dünnen Ausführung, die als Touch-Cover bezeichnet wird und aus einer 3 mm dünnen Filzmatte besteht. Auf der Innenseite findet sich eine Notebook-Tastatur, allerdings ohne Hub.

Touch-Cover

Touch-Cover

Surface

Cover-Connector

Das Type Cover ist dagegen 5 mm dick, bietet aber eine richtige Tastatur mit Hub.

Surface

Type-Cover

Surface mit Type-Cover

Surface mit Type-Cover

Beide Cover werden in verschiedenen Farben angeboten, sind aber nicht billig: Sie schlagen mit 120 bzw. 130 Euro (Type Cover) zu Buche.

Praktische Betrachtung

Wir konnten eine Woche ein Surface RT mit 64 GByte und allem verfügbaren Zubehör testen und direkt mit dem Apple iPad 3 vergleichen.

Was uns zunächst auffiel, war die doch sehr hochwertige Verarbeitung. Die Eleganz und qualitative Anmutung eines iPad 3 erreicht das Surface-RT-Gerät allerdings nicht.
Die Anschlüsse sind gut positioniert, die beworbenen Stereolautsprecher klingen aber sehr blechern und schlapp. Niemand erwartet THX-Sound aus einem Tablet, aber Klassenprimus Apple schafft es klanglich eher zu überzeugen.

Gegenüber Apple hat Microsoft aber einen Home-Button eingebaut, welcher sich an der Längsseite des Geräts findet und „virtuell“ angelegt ist. Damit verzichtet Microsoft auf einen anfälligen Druckschalter, wie ihn Apple noch immer verbaut. Zudem bietet ein Druck auf den Home-Button vom Surface noch ein Vibrieren als Feedback, wie es von vielen Smartphones bekannt ist.

Das Display des Surface mit seiner Auflösung von 1366×768 mit 148 dpi kann mit dem iPad 2 und vielen Android-Tablets konkurrieren, kommt aber infolge der geringeren Auflösung nicht an das Retina-Display eines iPad 3 (2048×1553 Pixel mit 264 dpi) heran. Kontrast und Helligkeit sind dem iPad aber ebenbürtig, ebenso wie die nervende Spiegeloberfläche, welche beide Displays haben.

Der wahre Sinn der neuen Windows-8-Oberfläche

Während die neue Windows-8-Oberfläche auf dem Desktop bei vielen Anwendern eher als Fremdkörper empfunden wird, kehrt sich der Effekt auf dem Surface-Tablet genau um. Intuitiv nutzt man Finger und verschiedene Gesten, um Apps zu starten, zu zoomen, zu beenden oder Inhalte zu verschieben. Das Ganze geht flüssig und ohne Verzögerung vonstatten. Selbst die Charmbar wirkt auf einmal, als hätte man für Verwaltung und Einrichtung (z.B. WLAN) nie etwas anderes erwartet.

Die RT-Geräte haben auch einen Windows–Desktop, der auf dem Tablet genauso fraglich ist wie die Touch-Kachel-Oberfläche auf dem Desktop. Mit den Fingern können die Programme, welche auf eine Maus-Bedienung ausgelegt sind, einfach nur schlecht bedient werden. Spaß macht dies erst mit einer angesteckten Cover-Tastatur, welche dann sogar ein Touchpad und damit Maussteuerung auf dem Tablet bietet.

Wegen der Beschränkung von RT auf Apps aus dem Windows Store gibt es aber nur wenig Software, die man auf dem Desktop ausführen möchte und kann. Neben Explorer und Co. findet sich von Microsoft noch ein abgespecktes Office 2013 als Desktop-Variante auf dem Gerät. Ob es später auch viele Apps geben wird, welche auf dem Desktop laufen, darf eher bezweifelt werden.

Die typischen Tablet-Aufgaben wie Mail, Surfen, Multimediainhalte etc. meisterte auch das Surface RT problemlos. Dank Flash gingen sogar viele Webseiten, deren Besuch iPad-Besitzern verschlossen bleibt. Dennoch scheint es keine vollständige Flash-Implementierung zu sein, die das Surface bietet, da sich Inhalte wie die ZDF-Mediathek damit nicht nutzen ließen.

Der Formfaktor ist mit 16:9 gegenüber dem 4:3 des iPads Geschmackssache, beim Lesen von eBooks aber nach unserer Meinung eher störend, da das Gerät dann hochkant auch sehr schlecht in der Hand liegt.

Geschmacklich sehr fade wirken dagegen die meisten Apps, welche mitgeliefert werden. Sie bieten zwar die grundlegende Funktionalität, lassen aber die Reife der iOS- oder Android-Pendants vermissen (Mail, Kalender, Karten…). Da auch der Windows Store bisher nur wenige Highlights zu bieten hat und viele der Apps mit großem Namen auf Windows RT bisher nur Grundfunktionen bieten (z.B. TuneIn-Radio), fehlt einfach der „Aha-Effekt“ auf der Surface-Plattform.

Einzig die Cover-Tastaturen mit dem Surface-Ständer auf der Geräterückseite erzeugen einen „haben will“-Effekt.

Nach einer Woche mit dem Surface-Gerät konnte es daher ohne große Abschiedstränen wieder verpackt und in den Rückversand gebracht werden. Das iPad hat seinen Nutzer wieder.

Gefloppt?

Der Erfolg des Surface RT ist sehr verhalten. Die Nachfrage nach dem ersten Surface-Tablet ist bisher so schwach, dass Microsoft die Aufträge zur Fertigung von 4 Millionen auf 2 Millionen gesenkt hat. Die eigentlichen Verkaufszahlen gibt Microsoft nicht bekannt. Am „Black Friday“ wurde in der „Mall of America“ in Minneapolis in einem Microsoft- und einem Apple-Store von Analysten allerdings erhoben, wie viele Tablets vom jeweiligen Hersteller in zwei Stunden über die Ladentheke gingen: Apple konnte elf iPads pro Stunde an den Mann bringen, Microsoft dagegen kein einziges Surface-Tablet.

Wie der Spiegel schreibt, ist der Anteil von Surface-Tablets gemessen am Traffic aller Tablets im Netz 14 Tage nach Einführung noch verschwindet gering.

Microsoft ist daher unter Druck. Windows 8 wird – dank Schleuderpreisen für das Upgrade auf die Pro-Edition – gut angenommen, am „Drumherum“ wie dem Windows Phone 8 und den Tablets hapert es aber, wie Microsoft-Chef Steve Ballmer selbst feststellte und sagte, das Surface-Tablet sei „bescheiden gestartet“. Es wird erwartet, dass Microsoft die Surface-Geräte nun auch über Dritte in den Handel bringt.

Alle Hoffnungen ruhen nun auf dem Surface-Pro-Gerät, welches statt einer ARM-CPU eine x86-CPU und ein vollständiges Windows 8 als Plattform bietet. Die von Microsoft bekanntgegebenen Preise von 899 US-Dollar für den Intel Core-i5-Prozessor und Informationen über eine Akkulaufzeit von nur 4 Stunden lassen bereits jetzt bezweifeln, dass das Surface Pro anderen Tablets und auch Notebooks ernsthaft Paroli bieten kann. Dafür ist der Preis zu gesalzen und die Akkulaufzeit einfach lächerlich gering.

Fazit

Mit dem Surface RT hat Microsoft ein gutes Tablet für Windows-Nutzer auf dem Markt. Für den  Preis von 479 Euro ist das RT-Gerät aber kein Schnäppchen und kann sich gegenüber dem iPad 4 mit 499 Euro Einstiegspreis oder vergleichen Android-Geräten wie dem Google Nexus 10 nicht absetzen, welche beide auch noch ein viel besseres Display bieten.

Die an sich offene Architektur von Windows bringt dem Surface-RT-Käufer nur wenig, da er keine Programme außerhalb des Windows Stores installieren kann. Dessen Angebot ist derzeit noch sehr überschaubar und kein Vergleich zu den prall und hochwertig gefüllten Stores von Apple oder Google. Letztere sind aber schon viel länger am Markt und hatten zu Anfang mit den gleichen Problemen zu kämpfen.

Einzige Vorteile der Microsoft-Plattform sind daher aktuell die Möglichkeit, Dateien mit Windows-typischen Formaten ohne Konvertierung und Formatverlust auszutauschen und die grandiosen Cover-Tastaturen. Ob dies aber als Kaufargument reicht, wagen wir derzeit zu bezweifeln.

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