Haarausfall ist so alt wie die Menschheit, die Sorge darüber vermutlich auch. Neu ist, dass wir ihn heute tracken wie Schritte, Schlaf und Bildschirmzeit. In den App-Stores tummeln sich Anwendungen, die per Selfie deinen Haaransatz analysieren, Veränderungen über Wochen dokumentieren und dir am Ende eine Einstufung präsentieren. Die kommt gern mit Diagramm, Farbskala und einer Prozentzahl, die klingt, als hätte ein Labor sie ausgerechnet.
Die Skala, die alle kopieren
Fast alle Haar-Apps orientieren sich an einem Klassifikationssystem, das deutlich älter ist als das Smartphone, nämlich der Norwood Skala. Der US-Forscher James Hamilton beschrieb die typischen Muster männlichen Haarausfalls in den 1950er-Jahren. Der Dermatologe O’Tar Norwood verfeinerte das System in den 1970ern. Heraus kam eine Skala mit sieben Stufen. Bei Typ 7 bleibt nur noch ein hufeisenförmiger Haarkranz an den Seiten und am Hinterkopf übrig.
Was unter der Haube passiert
Technisch arbeiten die meisten dieser Apps mit Computer Vision, also mit Modellen, die auf riesigen Bildmengen trainiert wurden. Grob vereinfacht läuft das in drei Schritten ab. Zuerst erkennt die Software, wo auf dem Foto Stirn, Haar und Kopfhaut sind (Segmentierung). Dann misst sie, wie viel Kopfhaut in bestimmten Zonen durchscheint und wie der Haaransatz verläuft. Zum Schluss vergleicht sie das Ergebnis mit Mustern aus ihren Trainingsdaten und spuckt eine Einstufung aus.
Warum dein Haar je nach Raum stirbt
Den größten Einfluss auf das Ergebnis ist dein Licht, dein Winkel und deine Kamera. Wer dieselbe App dreimal am Tag benutzt, kann drei unterschiedliche Einstufungen bekommen.
Licht von oben:Deckenlampen in Bad, Büro und Aufzug strahlen direkt durch die Haare auf die Kopfhaut. Dadurch wirkt selbst dichtes Haar dünner.
Weitwinkel auf kurzer Distanz:Smartphone-Frontkameras nutzen meist Weitwinkelobjektive. Hältst du das Handy nah vors Gesicht, verzerrt die Optik die Proportionen.
Nasse Haare:Feuchtes Haar klebt in Strähnen zusammen und gibt den Blick auf die Kopfhaut frei.
Wenn du die Apps trotzdem nutzen willst, dann fotografiere immer bei Tageslicht und mit gleichem Abstand, am besten mit Selbstauslöser oder Stativ statt mit ausgestrecktem Arm. Das Haar sollte trocken und ungestylt sein, die Kopfhaltung immer gleich.
Was die Apps nicht können
So nützlich ein Verlaufsprotokoll sein kann, eine Diagnose ersetzt es nicht. Eine App sieht, dass Haare fehlen, aber nicht, warum. Die Ursachen für Haarausfall sind vielfältig. Neben der erblichen Variante kommen unter anderem Eisenmangel, Schilddrüsenprobleme, Stress, bestimmte Medikamente oder kreisrunder Haarausfall infrage. Ein Dermatologe betrachtet die Kopfhaut unter Vergrößerung (Trichoskopie), fragt nach der Vorgeschichte und veranlasst bei Bedarf ein Blutbild. Das kann kein Selfie.
Außerdem ist ein gewisser täglicher Haarverlust völlig normal. Die gängige Faustregel liegt bei etwa 50 bis 100 Haaren pro Tag. Wer nach dem Bürsten nervös die Haare im Waschbecken zählt, macht sich womöglich umsonst verrückt.
Und dann ist da noch ein Punkt: der Datenschutz. Du lädst hochauflösende Fotos deines Kopfes auf fremde Server, oft zusammen mit Angaben zu Alter, Medikamenten und Familiengeschichte. Das sind Gesundheitsdaten, die nach der DSGVO besonders geschützt sind. Ein Blick in die Datenschutzerklärung lohnt sich also. Wo stehen die Server? Werden deine Bilder zum Training weiterer Modelle verwendet? Lässt sich dein Konto samt Fotos vollständig löschen?
Vom Analyse-Screen zum Flugticket
Spannend wird es, wenn man sich anschaut, was nach der Analyse passiert. Viele Apps enden nicht mit einer neutralen Information, sondern mit Empfehlungen, von Shampoos über Medikamente bis zu Kliniken.
Auffällig ist, wie selbstverständlich dabei ein bestimmtes Reiseziel geworden ist. Die Haartransplantation in der Türkei hat sich in den vergangenen Jahren vom Nischenthema zu einem echten Popkultur-Motiv entwickelt. Wer sich über die Haartransplantation Kosten in der Türkei informiert, stellt fest, dass Pakete dort oft nur einen Bruchteil dessen kosten, was in Deutschland, Österreich oder der Schweiz aufgerufen wird, häufig inklusive Hotel und Transfers.
Gerade deshalb lohnt hier dieselbe Skepsis wie bei der App. Wer führt den Eingriff tatsächlich durch, ein Arzt oder ein Team ohne medizinische Qualifikation? Welche Technik kommt zum Einsatz? Reicht der Spenderbereich am Hinterkopf überhaupt für das, was das Vorher-Nachher-Bild verspricht?
Nettes Tool, schlechter Arzt
Kann dein Smartphone also deine Glatze vorhersagen? Ein bisschen. Haar-Apps sind brauchbare Tagebücher, wenn du sie konsequent unter gleichen Bedingungen nutzt. Sie können dir auch helfen, den Moment zu erkennen, ab dem ein Arztbesuch sinnvoll ist. Als Orakel taugen sie dagegen wenig: zu abhängig von Licht und Winkel, zu intransparent beim Training und oft zu nah an Verkaufsinteressen.
Der vielleicht beste Tipp ist deshalb erfrischend analog. Mach alle drei Monate ein Foto bei Tageslicht am Fenster und leg es in einen Ordner auf deinem Rechner, ohne Cloud, ohne Abo, ohne Prozentzahl. Schau es dir erst an, wenn du wirklich einen Grund dazu hast.

